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Agitation der Woche (alt)

Den begehrte Preis für Agitation der Woche geht an’s… tataa: ARD-Morgenmagazin!

Montag berichtete es über die Gründung der „Ukrainischen Nationalgarde“.
„MoMa“-Reporter Markus Preiß begleitete des jungen Freiwilligen Nikita Beljakow durch die Rekrutierung, sah sich Ausbildungs-Gelände an & sprach mit Ausbildern der neuen Nationalgarde…
im weiteren Verlauf wurde das „Personal“ dann  ausschließlich als Soldaten, die Truppe als Armee bezeichnet – als ob es sich hier um die ganz normalen Streitkräfte der Ukraine handeln würde, keine paramilitärische Miliz – dabei viel, viel Pathos; größte Bewunderung  für den Patriotismus – und Hoffnung, daß dieser „nie gebrochen wird“
Preiß bangte dabei allein um das Schicksal der „Jungs“ – wo derartig kompromissloser Patriotismus hinführen könnte, macht ihm dagegen keine Sorgen.

Nach Auflösung von „Berkut“ wurde die neue Nationalgarde ins Leben gerufen, Chef des Sicherheits- und Verteidigungsrats Andrej Parubi will der Nationalgarde die Hälfte der 40.000 einberufenen Reservisten zuteilen, viele Freiwillige kommen aus der Maidan-Bewegung.
Wg. evtl. befürchteter Illoyalität der Streitkräfte soll sie vielleicht sowas wie die syrische „NDF“ werden – unter ggb. Umständen grundsätzlich nachvollziehbar…
zu hören (5′28″) daß Ausbilder „Vitali“ bereits Maidan-„schlachterfahren“ ist, macht aber leicht hellhörig, auch wenn das erstmal nicht viel heißen muß – laut WSWS sollen ihre Mitglieder aber tatsächlich v.A. aus dem rechtsextremen Umfeld kommen.[1]

Wie auch immer – beim „MoMa“ werden die ca. stündlich wiederholten Beiträge i.d. Regel nur beim ersten Mal vollständig gezeigt, danach leicht gekürzt.
…und bei den folgenden Beiträgen fehlte dann auch „zufällig“ gerade der Teil, in dem die Truppe als „Nationalgarde“ benannt wurde – so daß der Zuschauer den Eindruck haben musste, er würde hier nur ganz normale Rekruten in der Grundausbildung sehen.
Für „Spät“aufsteher war die eigentliche Nachricht – Neu-Gründung einer paramilitärischen Einheit – so nicht mehr ersichtlich. V.A. bleibt der sich aufdrängende Eindruck, daß sich ein Rechtsextremer seine Miliz aufbaut, aus.
Das ist doch mal professionell-subtile Agitation wie aus dem Lehrbuch (v.A. da die ÖR in den letzten Jahren stark nachgelassen haben) – der erste Platz ist also hochverdient.

Die weiteren Plätze:

die Fraktion der Putin-Freunde, die das nach bewaffneter Stürmung & Besetzung eines Parlaments[2] initiierte Referendum von nicht gerade geringem Ausmaß als „legitim“ darstellten – trotz Chaos, dem Einfluß von Propaganda & Angst, und der gerade mal einwöchigen Frist (ich frag mich nebenbei, warum man die Sache unbedingt so fix durchziehen mußte, wo sich die Krim-Bevölkerung doch so einig war…).
Sehr interessant auch Argumentationen wie: die ukrainischen Kriegsschiffe wurden freiwillig „übergeben“ – erkennt man schließlich eindeutig an der Mimik des ukrainischen Matrosen auf dem einen Foto; und sowieso – von „Erstürmung“ oder Gewalt kann gar keine Rede sein, schließlich hat es ja nicht einen Toten gegeben… gut zu wissen, dann ist mein Banküberfall auch kein Gewaltakt, solang ich den Kassierer nicht erschieße.
Alles ist ziemlich haarsträubend, aber: Dreistigkeit siegt – deshalb: zweiter Platz!

Für den dritten Platz wäre die Anti-Putin-Fraktion in Frage gekommen, hier fehlte es aber am spritzigen Witz. Insgesamt leider nur die aus dem Kalten Krieg bekannten Sprüche. Ein 3. Platz wird deshalb leider nicht vergeben.

der Ehrenpreis…

geht an Albrecht Müller – für’s Anstoßen einer philosophische Überlegung: die Sache mit der „Geostrategie“
Viele haben das Vice-Interview mit Albrecht Müller bewundert – ich fand einige seiner Antworten zwar wenig überzeugend, ein Punkt, in dem ich ihm aber absolut zustimme: auch ich kann Putins Angst vor NATO-Einkreisung verstehen; und die ganze Welt ist gut dran – sicher nicht Putin[3] – aber einen Gegenpart zur NATO zu haben.
Einige von Müllers Aussagen dazu betreffen aber auch den Punkt, mit dem ich meine Probleme hab. Für uns ist die Situation derzeit bequem & liegt „klar auf der Hand“ – aber gleiche Logik, anderer Fall:
die USA sind in Bedrängnis o.Ä. … jetzt strebt D einen NATO-/EU-Austritt, bei gleich-zeitiger Annährung an Rußland an – Rußland müsste das nun strikt ablehnen; GB & Frankreich hätten das „Recht“, dies mit allem Druck zu verhindern.
Bevölkerungswille? Da gibt’s Wichtigeres…
(natürlich werden viele jetzt denken: Pech gehabt Amis, genug Scheiße gebaut… nur – denken viele im ehem. Ostblock nicht eventuell genau so über Rußland…?)

kurz gesagt: läuft dieses geostrategische Denken in „Einflußsphären“ ect pp & deren Rücksichtnahme – egal in welcher Richtung – nicht immer darauf hinaus, die Interessen von Menschen denen von (Groß-)Mächten unterzuordnen…?
Geht diese ganze geostrategische Scheiße im Endeffekt nichts immer zu Lasten der Bevölkerung…? Und ist dieses Denken auch nur ansatzweise „links“, oder wenigstens „demokratisch“?


[1] WSWS, Der Standard
[2] RIA, Frankfurter Rundschau
[3] man sollte sich betr. Putin nichts vormachen – Rußland hat zu Afghanistan seinen Segen gegeben & auch zur Libyen-Intervention kein Veto eingelegt; verscherbelt sein Kriegsgerät ebenso an jeden der genug $$ auf den Tisch legt; und der Tschetschenienkrieg war nicht weniger „materiell“ motiviert – nur daß Rußland nicht bloß einen korrupten, sondern gleich einen Bilderbuch-Psychopathen zum Statthalter machte… immerhin spart Putin sich aber die Hybris von „Wertegemeinschaft“.

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