Startseite » Video

Archiv der Kategorie: Video

Kino: Balkan

Der nächste Beitrag der Kino-Reihe. Dazu vorweg: wenn ich hier Hollywood-Blockbuster poste, könnte ich gleich zur nächsten Videothek verlinken – der Fokus liegt hier also auf weniger bekannten und/oder ausländischen Filmen. Aus dem Grund auch die Einordnung nach Regionen/Sprachen.
Viele Filme gibt es leider nicht auf deutsch, sondern nur mit Untertiteln – was aber niemanden abhalten sollte! Reine Gewohnheitssache, auch sind Filme im Original oft stimmiger.
Auch wenn es sich vielleicht komisch anhört – Spielfilme sind eigentlich nicht mein Hobby. Da ich auch weder Zeit noch Muße hab, mich auf der Suche nach cineastischen Meisterwerken durch stundenlanges Videomaterial zu kämpfen, sind sachdienliche Hinweise willkommen und können unter Kontakt abgegeben werden.


Neprijatelj (deutsch: der Feind)
Drama/Thriller/Horror • Bosnien, Serbien, Kroatien, Ungarn 2011

FilmplakatNovember 1995 in Bosnien, der Frieden ist eine Woche jung. Ein verlassener Hof im Nirgendwo dient als Quartier für eine serbische Einheit, die nun die zuvor gelegten Minen räumt. Ein auf Streife geschickter Trupp macht einen makabren Fund: in einer nahen Fabrik war ein Mann eingemauert.
Er weiß nicht wie lange er eingesperrt war – wusste bei seiner Befreiung aber noch nichts vom Friedensvertrag. Trotz Gefangenschaft hat er keinen Durst, lehnt angebotene Mahlzeiten ab und scheint auch keine Kälte zu spüren.
Die Soldaten bekommen nur heraus, daß man ihn „Daba“ nenne und aus „der Nähe“ komme. Sie wissen nicht was von dem seltsamen Fremden zu halten ist, und werden angewiesen, ihn bei Schichtwechsel zum Verhör ins Hauptquartier zu bringen. Während sie auf ihre Ablösung warten, scheint die Anwesenheit des Gasts einen unheilvollen Einfluß auf die Gruppe zu haben – die Dinge nehmen ihren Lauf.

Per Definition eine Low-Budget-Produktion, persönlich aber einer der besten Filme, die ich je gesehen habe.
Trotz des – clever umgesetzten – „paranormalen“ handelt es sich nicht um einen Fantasy-, und meiner Meinung nach auch nur im weitesten Sinn um einen Horror-Film.
SzeneNeprijatelj ist eine Mischung aus „Arthouse“ und Unterhaltungskino, dank der spannenden Story aber ebenso flüssig.
Vorm Hintergrund des erst kurz vergangenen Kriegs verbreitet der Film eine starke, düstere Atmosphäre; die durch das monochrom gehaltene Bild noch verstärkt wird. Das tiefgründige Drehbuch von Djorde Milosavljević wurde spannend umgesetzt; authentische Charaktere und gute Schauspieler. Besonders beeindruckt hat mich Co-Produzent Tihomir Stanić, der die Rolle von Daba perfekt verkörpert und ihn unscheinbar wie überlegen zugleich wirken läßt.
Ein scharfsinniges, vielschichtiges Werk, das zum Nachdenken anregt – zu dem es noch einiges zu schreiben gäbe, was hier aber unter Spoiler fallen würde.
Mein Tipp ist, sich den Film unvoreingenommen anzuschauen, ohne vorher Kritiken oder Interpretationen zu lesen. (Bilder: Wikipedia, YouTube)

Meines Wissens gibt es den Film nur in engl. Synchronisation (The Enemy)

Neprijatelj
Bosnien-Herzigowina, Serbien, Kroatien, Ungarn 2011
Regie Dejan Zečević
Produzent Nikolina Vučetić, Tihomir Stanić, Deneš Sekereš, Damir Teresak
Drehbuch Djorde Milosavljević, Dejan Zečević, Vladimir Kecmanović
Darsteller Aleksandar Stojković, Vuk Kostić, Tihomir Stanić, Slavko Štimac, Maria Pikić u.A.
Links Film auf YouTube (Original mit engl. UT)
‚Film über den Film‘ (serbisch)
Beschreibung auf imdb

Zwei Spieler von der Ersatzbank (Dva igrača s klupe)
Komödie • Kroatien, 2005

Der kroatische Warlord Skoko – von vielen als Held verehrt – soll in Den Haag wegen Kriegsverbrechen angeklagt werden. Von Skokos Leuten angesprochen, erklärt sich der patriotische Ante bereit ihm zu helfen – zum Dank findet er sich jedoch in einer Zelle mit dem Serben Dusko wieder.
Beide haben nahe Verwandte verloren – sonst könnten die ehemaligen Gegner aber kaum unterschiedlicher sein. Während Dusko darauf spekuliert, als Nierenspender mißbraucht zu werden und sich mit der Situation abfindet,Filmplakat fühlt Ante sich von seinen „Kameraden“ verraten. Doch nicht bloß ihre Nieren sind gefragt.

Die Balkan-Kriege haben dem Kino Ex-Jugoslawiens eine Menge Stoff gegeben und werden in gefühlt jedem zweiten Film thematisiert, Komödien keine Ausnahme.
Filme sind generell Geschmackssache, für Komödien gilt das aber besonders; der Humor dieses Films besteht nicht aus Scatchen, sondern trockener Situationskomik.
Lockere Unterhaltung über zwei Menschen, die gemeinsam in einer aberwitzigen Situation landen und ihre Differenzen überwinden; mit einem Seitenhieb auf ethnische „Lager“ und den Gerichtshof von Den Haag.
Borko Perić (Dusko) hat ohne Frage komödiantisches Talent, im Zusammenspiel mit der gegensätzlichen Rolle von Goran Navojec sind die beiden tatsächlich ein „Dream-Team“.
Zwei Spieler von der Ersatzbank sind kurzweilige, knappe 2 Stunden. Ich hab mich vor Lachen teils weggeschmissen. (Bild: Yugomedia)

Zwei Spieler von der Ersatzbank (Dva igrača s klupe)
Kroatien, 2005
Regie Dejan Šorak
Produzent Ivan Maloca
Drehbuch Dejan Šorak
Darsteller Goran Navojec, Borko Perić, Tarik Filipović, Dora Lipovčan u.A.
Links Film auf YouTube (Original mit engl. UT)
Beschreibung auf imdb

Nordkaukasus

mein PC macht in letzter Zeit komische Geräusche & scheint langsam den Geist aufzugeben… kein Ersatz in Sicht, also bevor es zu spät ist: Zeit, meinen Pseudo-Blog endlich für was vernünftiges zu nutzen – nämlich Filme zu posten.

Weil vor 20 Jahren der erste Tschetschenienkrieg begann, fange ich mit Dokus an. Wenige Dokumentationen über das Thema sind so einfühlsam, ohne dabei in Pathos oder s/w-Malerei zu verfallen, wie einige (Betonung) russisch-sprachige Produktionen aus den 90er / frühen 2000er Jahren.

Besonders beeindruckend war für mich „Gefangene des Kaukasus“.
Juri Chaschtschewatskij kommentiert das Material seines Kameramanns Edik Dschafarow. Beide hatten vor, eine Reportage über ihre Arbeit zu machen – und so Bildmaterial zu zeigen, daß es sonst selten in die Nachrichten schafft. Der Titel leitet sich von Leo Tolstois Novelle aus dem Jahr 1872 ab.
Mit dem für J.C. typischen, ironischen Unterton wird der Konflikt unparteiisch & objektiv kommentiert; der Film ist dabei nicht auf die „große Politik“ fokussiert – sondern die Menschen auf beiden Seiten, die deren Konsequenzen zu schultern haben. Im Rahmen der Doku teilt Chaschtschewatskij sein Zugabteil mit einem Oberleutnant – und kommt nach dessen Schilderungen zum Schluß: die schlimmste Folge des Kriegs ist nicht der Tod – sondern daß er Menschen zu Bestien macht

Prisoners of the Caucasus (OT: Кавказские пленники) – Belorußland, 2002 [russisch, engl. Untertitel]

***

Die zweite Doku ist eigentlich weniger mein Ding (und auch nur im weitesten Sinne „russisch-sprachig“, was aber weniger zur Sache tut), weil Rockmusik zu Ruinen-Kulisse MMN ein typischer Fall sog. „Anti“-Kriegsfilme ist… der Großteil ist aber sehr aufschlußreich:
Fokus der Doku ist Kosake Oberst Pjotr Kosow aus Inguschetien und sein Bemühen, zwischen beiden Parteien zu verhandeln, für die Mütter russischer Soldaten deren Schicksal in Erfahrung zu bringen & Gefangenenaustausche zu organisieren. Besondere Momente: Einwohner niedergebrannter Dörfer schildern ihr Martyrium; ein russischer Oberst nennt seinen Vorgesetzten vor laufender Kamera einen „verdammten Lügner“ (ab 29″39′), weil dieser – allen Umständen zum Trotz – verspricht, den eingeschlossenen Überlebenden des Massakers von Samaschki eine Lokomotive zur Evakuierung zu schicken

The Betrayed – Clive Gordon, 1995
[englische UT, schlechte Qualität]


Update – weitere Infos zum Beginn & Verlauf des Tschetschenienkonflikts: Russland-Blog; Bildmaterial (via Tagesschau vor 20 Jahren) auf Mein Tschetschenien